Gastbeitrag, erschienen in Libération am 20. September 2026.
Kanada ist das europäischste Land der beiden Amerikas. Kanada ist Europa in Amerika. Doch wenn sein Premierminister am vergangenen Donnerstag den Status eines „assoziierten Mitglieds“ der Union angenommen hat, den ihm die Kommissionspräsidentin angeboten hatte, dann vor allem deshalb, weil wir eine gemeinsame Front bilden müssen.
Ausgesprochen wird es nicht, aber es ist sehr wohl ein politisches Bündnis, das hier besiegelt wurde. Ein Bündnis gegen einen Mann, dessen Namen Mark Carney nie in den Mund genommen hat: gegen den amerikanischen Gegenspieler, der Kanada annektieren möchte, nach Grönland schielt und uns alle mit Zöllen in die Knie zwingen will.
Donald Trump fand das „lächerlich“. Er täte jedoch besser daran, die Augen zu öffnen und zu erkennen, dass diese Verbindung zwischen Kanada und der Europäischen Union bereits im Keim angelegt war: in der Annäherung zwischen der Union, Großbritannien und Norwegen, in der Koalition der Willigen, die Paris und London zur Unterstützung der Ukraine gebildet haben, oder auch in der Europäischen Politischen Gemeinschaft, die Emmanuel Macron schon 2022 ersonnen hat, um alle europäischen Demokratien, ob Mitglieder der Union oder nicht, in einem gemeinsamen Forum zu versammeln.
Tastend versucht die Europäische Union schon seit mehreren Jahren, dem russischen Expansionismus, dem chinesischen Dumping und der Abwendung der Vereinigten Staaten zu begegnen, indem sie ein weltweites Netz von Demokratien entstehen lässt, die gegen diese drei Bedrohungen einen Block bilden wollen. Frankreich und Großbritannien, die weltweit stark präsent sind und über die besten Armeen Europas verfügen, sind dabei die treibenden Kräfte. Es ist bemerkenswert, dass sich die Dinge nun gerade mit einem Land beschleunigt haben, in dem beide ein so großes Gewicht haben.
Dieser Status eines assoziierten Mitglieds muss erst noch definiert werden. Das wird im Übrigen nicht unbedingt einfach sein. Doch zu den Mitgliedstaaten, den Beitrittskandidaten und jenen, die es werden möchten, fügt die europäische Konstellation nun eine vierte Kategorie von Staaten hinzu, deren Vorhut Kanada lediglich bildet. Als „Assoziierte“ und nicht als Mitglieder könnten sich Australien, Südkorea, Neuseeland, eines Tages vielleicht Japan, die Türkei, sobald sie mit ihrem autokratischen Kurs gebrochen hat, sowie auch Staaten Afrikas und des Nahen Ostens der Europäischen Union annähern. Dies geschähe in dem, was man bereits als Allianz für die Zukunft bezeichnet und was ich meinerseits Demokratische Entente zu nennen vorschlage.
Das sei alles noch Zukunftsmusik, wird man einwenden. Eine Utopie, sagten viele Europäer nach den Reden von Ursula von der Leyen und Mark Carney. Doch damit vergisst man, wie wenige noch gestern glaubten, dass die Union auf eine gemeinsame Verteidigung zusteuern, die Ukraine bewaffnen, eine europäische Präferenz gegen China erwägen, gemeinsame Industriepolitiken in Betracht ziehen und sich um einen Sicherheitsrat bemühen würde.
In der Politik bricht Not Gebot. Kanada ist der Beweis dafür. Die ganze Frage ist jedoch, ob wir Europäer der Herausforderung gewachsen sein werden. Ein wachsender Teil der Welt wünscht sich, dass wir uns behaupten, um sich an unserer Seite behaupten zu können. Doch die Union selbst droht zu zerfallen, wenn unsere Wahlen in mehreren unserer großen Hauptstädte den extremen Rechten die Macht übertragen.
In Frankreich wie in Deutschland sind wir nicht mehr weit davon entfernt, den gemeinsamen Traum von Trump und Putin zu verwirklichen. Und selbst wenn wir auf diesen Selbstmord verzichteten, drohen unsere gemeinsamen Institutionen uns bald zu lähmen. Sie wurden für einen gemeinsamen Markt geschaffen und bieten der Union weder eine echte Exekutivgewalt noch eine echte Legislativgewalt. Damit verwehren sie ihr, ihre Verwandlung zu einer politischen Macht zu vollenden.
Das ist so zutreffend, dass Ursula von der Leyen ihre Befugnisse als Kommissionspräsidentin überschritt, als sie in Straßburg Kanada die Hand reichte oder ihren Europäischen Sicherheitsrat ins Leben rief. Weil die Verträge den heutigen Erfordernissen nicht mehr gerecht werden, hat sie diese faktisch verletzt, um vollendete Tatsachen zu schaffen, glückliche und notwendige.
Foto : © Union européenne 2026 – PE
